Biografie

Christoph Daum

„Du kannst hinfallen. Es ist auch nicht entscheidend, wie oft du hinfällst. Du musst nur immer wieder aufstehen.“

Christoph Daum, geboren 1953 im Erzgebirge, aufgewachsen im Ruhrgebiet, ist einer der profiliertesten und eigenwilligsten Fußballtrainer Deutschlands. Seit einem Vierteljahrhundert arbeitet er erfolgreich als Cheftrainer europäischer Spitzenvereine; er hat in Deutschland, der Türkei und Österreich mit seinen Mannschaften nationale Titel gewonnen. Christoph Daum ist Vater von vier Kindern und in zweiter Ehe verheiratet. Er lebt mit seiner Familie in Köln.

Kinderjahre sind Lehrjahre

Christoph Daum, am 24. Oktober 1953 in Oelsnitz bei Zwickau geboren, ist drei Jahre alt, als seine Eltern das Erzgebirge verlassen und nach Duisburg gehen, wo der Vater als Hauer unter Tage arbeitet. Ihr Sohn bleibt zunächst in der Obhut der Großeltern zurück. Bald darauf verunglückt der Vater, der den Plan gefasst hat, seine Arbeit aufzugeben, bei seiner Schicht. Ein einstürzendes Flöz zertrümmert sein Rückgrat, wenige Wochen später stirbt er. Einige Zeit später holt die Mutter den Jungen zu sich ins Ruhrgebiet. Der Halbwaise Christoph Daum, gerade sechs Jahre alt, muss lernen, sich in einer fremden Welt alleine durchzusetzen. Es ist schon eine Herausforderung, heil vom Bierholen nach Hause zu kommen, weil die Straße von Kinderbanden belagert ist. „Entweder du hast den Jungs Wegzoll bezahlt, oder es gab einen Tritt und die Bierpullen waren kaputt.“ So erinnert sich der erwachsene Christoph Daum später während eines Spaziergangs durch die Stadt seiner Kindheit. Er behauptet sich als kleiner Junge. Und er tut es als Erwachsener. Was nicht leicht ist in einem so öffentlichen Beruf wie seinem. Ein Fußballtrainer wird an schnellen Erfolgen gemessen; jeder Titelgewinn schraubt die Ansprüche weiter nach oben; wer Zweiter wird, gilt bereits als erster Verlierer. Christoph Daum wird all das erleben. Weil seine Leidenschaft für den Fußball so ansteckend wie fordernd ist, macht er es sich und den anderen dabei nie leicht. Wer für eine Sache so sehr brennt wie er für den Fußball, wer so rückhaltlos seine Ideen und Überzeugungen nach außen trägt, der läuft Gefahr, sich die Finger zu verbrennen, weil ihm nicht alle immer folgen können oder wollen.
Heute sagt Christoph Daum: „Ich habe in meinem Leben viele Prüfungen und Herausforderungen zu bestehen gehabt. Aus allen habe ich lernen und wachsen können. Fehlerfrei, unfehlbar zu sein, scheint mir unmöglich. Lernfähig zu sein, Erfahrungen zu sammeln und es in Zukunft besser zu machen, scheint mir der richtige Weg zu sein.“

Das Spiel studieren

Als Jugendlicher spielt Christoph Daum für die Duisburger Stadtteilvereine DJK Viktoria Beeck, VfvB Ruhrort-Laar und Hamborn 07. Seine Seniorenlaufbahn begann bei Hamborn 07 und Eintracht Duisburg und 1975 wechselt er mit Anfang 20 in die Oberligamannschaft des 1. FC Köln, mit der er 1981 deutscher Amateurmeister wird. Parallel studiert er an der Deutschen Sporthochschule in Köln und besucht an der Universität auf eigene Initiative Veranstaltungen. Besonders fasziniert ihn die Psychologie, bei Vorlesungen in diesem Fach nimmt seine bis heute fortdauernde Beschäftigung mit Persönlichkeitsbildung und Willensschulung ihren Anfang.
1980 legt Daum sein Examen als Fußballlehrer ab. Seine Diplomarbeit trägt den Titel „Die Wichtigkeit und Bedeutung von pädagogischen und psychologischen Maßnahmen eines Fußballtrainers“. Auch diese Arbeit gibt bereits einen Hinweis darauf, wie er einige Jahre später als Trainer neue Wege gehen wird, um seine Mannschaften zum Erfolg zu führen. Gleiches gilt für die Vorträge, die er seit Mitte der 80er Jahre an der Kölner Sporthochschule hält, zu Themen wie „Persönlichkeitsentwicklung im Profifußball“ oder „Verantwortung und Motivation im Profifußball“. Es dauert nicht lange, da hält Christoph Daum, der ein Publikum mit seiner Mischung aus flamboyanter Rede, profunder Sachkenntnis und innovativen Ideen zu fesseln versteht, Vorträge zu Mitarbeitermotivation und Unternehmensführung auch vor Managern aus der Wirtschaft. Anders als heute stößt in Daums frühen Trainerjahren Motivation jenseits wahlweise aufmunternder oder harscher Worte auf dem Trainingsplatz weitgehend auf Unverständnis. Vieles, was mit Psychologie zu tun hatte, gilt in der Männerwelt Fußball noch zur Jahrhundertwende als suspekt, weil es nach Schwäche riecht. Christoph Daum aber lässt sich in seinen Überzeugungen nicht beirren.

Vom Amateurspieler zum Profitrainer

Wie manche seiner heute ebenfalls mit innovativer und eigenwilliger Arbeit erfolgreichen Kollegen, ist Daum selbst kein hochklassig erfolgreicher Spieler gewesen. Und wie so mancher von ihnen war er in seiner aktiven Zeit Abwehrspieler. Vielleicht entwickelt einer, der den Spielaufbau über das gesamte Feld verfolgt, einfach einen besonders wachen und interessierten Blick dafür, wie Fußball funktioniert. Christoph Daum jedenfalls ahnt früh, dass er ein besserer Trainer als Spieler sein könnte und er weiß, dass er auch lieber Trainer als Spieler sein will. Eine Laufbahn in der Ersten Liga scheint nicht erreichbar, auf eine Zweitligakarriere verzichtet er, um sich frühzeitig aufs Lehren zu konzentrieren.
1986 übernimmt Christoph Daum die erste Mannschaft des 1. FC Köln. Das Engagement soll zunächst nur vorübergehend sein, doch Daum ist erfolgreich und bleibt. Mit der Mannschaft, in deren Reihen Bodo Illgner und Thomas Häßler stehen, wird er 1989 und 1990 Vizemeister hinter Serienmeister Bayern München. Gerade ist er bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien als Fernsehexperte vor Ort, als der 1. FC Köln die Trennung von seinem Cheftrainer erklärt. Einige Jahre später sagt Daum über Erfahrungen wie diese: „Rückschläge, Absagen, Niederlagen muss man als Herausforderung begreifen. Hilfreich ist natürlich, ein unbegrenztes Selbstvertrauen zu haben.“

Der erste Titel

Und Vertrauen in seine Arbeit hat Christoph Daum. Schon im Herbst 1990 kann er seine Energie auf eine neue Aufgabe konzentrieren: Er übernimmt die Mannschaft des VfB Stuttgart und führt sie von Rang 15 der Bundesligatabelle auf einen Uefa-Cup-Platz. Im Mai 1992 gelingt ihm und seinem Team in Leverkusen ein erinnerungswürdiger Coup: Punktgleich mit Dortmund und Frankfurt in den letzten Spieltag gehend, wird Stuttgart vier Minuten vor dem Abpfiff durch das Siegtor von Guido Buchwald Deutscher Meister. Der Torschütze selbst sagt danach: „Was Daum aus der Mannschaft gemacht hat, ist einmalig. Das hätte wohl kaum ein anderer Trainer geschafft.“
Dem Triumph folgt ein Rückschlag. Ein Einwechselfehler im Erstrundenrückspiel der Champions League bringt Stuttgart im Oktober 1992 um das schon sicher geglaubte Weiterkommen. Die Häme landauf landab muss Christoph Daum in der Folge ebenso aushalten wie er das Abgleiten der Mannschaft ins Mittelmaß der Liga nicht mehr aufhalten kann. Im Dezember 1993 tritt er als Trainer der Schwaben zurück.

Die zweite Heimat

Wieder dauerte es nicht lange, bis auf eine schmerzliche, eine überaus erfreuliche und gewinnbringende Erfahrung folgt. Dieses Mal eine, die nicht nur sportlicher Natur ist, denn Anfang 1994 nutzt Daum die Chance, in die Türkei zu wechseln. Schon im Sommer zuvor hat er das Land kennen gelernt, als er dort mit seiner Familie Urlaub macht. Es ist eine spontane Entscheidung, um nach den Anschlägen auf türkische Familien in Solingen im Mai 1993 Anteilnahme und Verbundenheit zum Ausdruck zu bringen. Statt nach Spanien wie geplant, fährt die damals vierköpfige Familie deshalb ans türkische Mittelmeer.
Ein halbes Jahr später nimmt Daum seine Arbeit als Trainer von Besiktas Istanbul auf, 1995 wird dieses Engagement mit dem Gewinn der Meisterschaft gekrönt. Die freundliche Aufnahme in der Türkei, der herzliche Umgang der Menschen untereinander und mit ihm, dem Gast aus Deutschland, beeindrucken Daum ebenso wie die Begeisterung der Menschen für den Fußball. Er bleibt zweieinhalb Jahre. Und auch wenn es nicht immer einfach ist, den oft übersteigerten Erfolgsphantasien der Fans und Funktionäre in Istanbul mit realistischer Einschätzung von Möglichkeiten und Perspektiven einzudämmen, wird sich die Türkei für ihn von nun an zur zweiten Heimat entwickeln. Zu Besiktas kehrt er im März 2001 noch einmal zurück. Mit Fenerbahce Istanbul wird er 2004 und 2005 türkischer Meister. Zu dieser Zeit überlegt Daum sogar, die türkische Staatsbürgerschaft anzunehmen, um seiner Verbundenheit zu diesem Land Ausdruck zu geben. Er verwirft den Gedanken jedoch, weil er dazu die deutsche Staatsbürgerschaft aufgeben müsste.

Eine Meisterleistung ohne krönenden Titel

Nach seinem ersten Engagement in Istanbul steigt Daum 1996 an jenen Ort wieder ins Bundesligageschäft ein, an dem er vier Jahre zuvor Deutscher Meister geworden ist. Er wird Cheftrainer in Leverkusen. Der Club ist gerade dem Abstieg entgangen, an ihm klebt das Image, ein Retortenverein zu sein. Christoph Daum ist entschlossen, aus der Profiabteilung des Bayer-Konzerns „eine richtige Fußballmannschaft machen, aus Fleisch und Blut“. Und genau das tut er dann auch. Auf Anhieb wird Leverkusen Vizemeister, dieser Erfolg wiederholt sich 1999 und 2000. Und niemand bestreitet, dass Bayers Aufstieg zum Spitzenverein auch und vor allem mit dem Trainer zu tun hat. Die Mannschaft wird von Saison zu Saison besser, über die Jahre schult Daum sein Team sorgfältig und planvoll in Technik und Taktik. Am Ende kann sich der Trainer rühmen, dass seine Mannschaft den schönsten Fußball der Liga spielt. Er erfreut sich an diesem „attraktiven und aggressiven Fußball“. Er spricht mit Achtung und Zuneigung von seinen Spielern. Und an der Begeisterung von Spielern wie dem Ausnahmestürmer Ulf Kirsten für die Arbeit des Trainers oder am selbstbewussten Auftreten von Kapitän Jens Nowotny ist abzulesen, wie die Spieler Daums Lehre von Jahr zu Jahr mehr verinnerlichen. Sie sind gut und sie wissen es. Beigebracht hat ihnen das eine wie das andere ihr Trainer.
Von außen werden in dieser Zeit manche Maßnahmen Daums mal mit Belustigung, mal mit Befremden betrachtet. Dass er die Spieler über Glasscherben laufen lässt, dass er einen Personal Team Trainer für die psychologische Betreuung engagiert – was soll das? Die Spieler aber, denen diese Angebote schließlich gelten, sind überwiegend begeistert. Und sie sind auf dem Fußballplatz erfolgreich. Doch bleibt den Leverkusenern die Krönung ihrer Arbeit versagt: Im Mai 2000 bringt sich Bayer am letzten Spieltag durch eine Niederlage in Unterhaching selbst um den Titel.
Wenig später steht Christoph Daum vor der Erfüllung seiner Trainerträume, um dann die größte Niederlage seiner Karriere zu erleben. Die desolate Vorstellung der deutschen Nationalmannschaft bei der EM 2000 in Holland und Belgien führt dazu, dass Daum als designierter Bundestrainer ausgewählt wird. Nach einem Interimsengagement von Rudi Völler als Teamchef soll Daum die Auswahl 2001 übernehmen. Doch es ist eine für ihn persönlich schwierige, nervenzehrende Zeit, und im Herbst 2000 wird bekannt, dass Christoph Daum Kokain genommen hat. Nach einigen Wochen, in denen er im Ausland Abstand und Ruhe sucht, kehrt Daum nach Deutschland zurück und gesteht seine Verfehlungen ein. Der nachfolgende Prozess endet 2002 mit der Einstellung des Verfahrens gegen eine Geldbuße sowie dem Freispruch in diversen Anklagepunkten.

Ein Neubeginn

„Du kannst hinfallen. Es ist auch nicht entscheidend, wie oft du hinfällst. Du musst nur immer wieder aufstehen“, das ist schon immer Daums Motto gewesen. Und er steht wieder auf. Im Oktober 2002 geht Daum nach Wien. Mit Austria gewinnt er sofort das Double. Für seine Ambitionen, den traditionsreichen Verein über Österreich hinaus auch in Europa in die Spitze zu führen, sieht er nicht genug Spielraum und Gestaltungsmöglichkeiten. So kehrt er ein weiteres Mal in die Türkei zurück, bevor er einen Schritt wagt, der einerseits nicht so recht in seine bisherige Karriere und zu seinem unbändigen Ehrgeiz zu passen scheint, andererseits aber eben einfach eine Herzensangelegenheit ist: Er kehrt zu seinem Heimatverein 1. FC Köln zurück. Schon des Öfteren hat Köln seinen 1990 verlorenen, besser gesagt: vertriebenen Sohn umworben, Ende 2006 unterschreibt Christoph Daum einen Vertrag beim damaligen Zweitligisten. Unkonventionell und fußballverrückt wie er ist, heiratet er im September 2007 seine Lebensgefährtin, die Sängerin Angelika Camm, in einer standesamtlichen Zeremonie, die im Anstoßkreis des Kölner Stadions stattfindet.
Ein knappes Jahr später schafft er mit dem 1. FC Köln den Aufstieg in die Erste Liga. Auf Dauer aber ist es für jemanden wie Christoph Daum, der einer der erfolgreichsten Trainer der Bundesligageschichte ist, schwierig, mit der eng gesteckten sportlichen Perspektive in Köln zurecht zu kommen. Die legendäre Begeisterung der Fans für ihren FC – und auch den Trainer Daum, der dem Verein so große Erfolge bescherte – korrespondiert nicht mit den finanziellen und strukturellen Möglichkeiten des Clubs. Für dauerhaftes Mittelmaß ist Christoph Daum zu ambitioniert. Im Sommer 2009 löst er seinen Vertrag, um noch einmal ein Jahr in Istanbul mit Fenerbahce zu arbeiten.

Gegenwart und Zukunft

Ohne seine Interessen öffentlich zur Schau zu stellen, ist es Christoph Daum wichtig, über den Tellerrand der oft hermetischen Fußballwelt hinauszublicken, seinen Horizont immer wieder aufs Neue zu erweitern. Er hat nie aufgehört, neugierig auf die Welt zu sein, so wie er es schon als Student war. Und er hat nie aufgehört, sich und anderen alles abzuverlangen, um erfolgreich zu sein. Als seine bevorzugte Lektüre begleiten ihn seit Jahrzehnten Biographien großer Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft, Sport; eine große Leidenschaft jenseits des Sports gilt der Malerei, der er in seinem eigenen kleinen Atelier nachgeht. Einen weiteren Ausgleich zur Arbeit im Profifußball findet er beim Golfspielen. Und natürlich zuhause bei seiner Familie im idyllischen Kölner Stadtteil Hahnwald. Ganz ohne Fußball geht es hier aber auch nicht. Im Garten der Villa steht ein Fußballtor.

Portrait Foto

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